London Calling. Burgertrip.

Mind The Gap. Ständig hört man es in der Londoner U-Bahn. Mittlerweile ist es ein Markenzeichen geworden, gehört zu London wie die Tower Bridge und der Regen. Aber englisches Essen? Londoner Burger? Muss man die etwa auch beachten? Die Frage stellten wir uns schon lange, denn von denen hört man nicht allzu viel… Einige wenige Londoner Burgerblogs habe ich schon länger verfolgt, ein paar Namen hatte ich im Hinterkopf. Allerdings war ich mir nicht sicher, was uns in dieser Hinsicht wirklich erwarten würde. Man las und sah viel rosagebratenes Hackfleisch, einige Beispiele sahen doch sehr „messy“ aus, wie man in den USA sagen (und lieben) würde. Sind die britischen Burger aber vergleichbar mit denen im berüchtigten Mutterland?

Aus einem 4-Tage-Pärchenurlaub machten wir aus diesem Grund völlig uneigennützig einen Burger-Fieldtrip. Einen Plan gab es eigentlich nicht, vielmehr eine Mischung aus „davon habe ich mal irgendwo gelesen“ und „das sieht gut aus“. Allerdings war mir wichtig, einen gewissen Querschnitt zu bekommen: Fastfood. Upper Class-Burger. Szeneburger. Also mal schauen.

Kaum angekommen führte natürlich der erste Hunger direkt unvermeidlich zum ersten Versuchsobjekt. Und was macht man am besten statt der Schiffsparade zum Thronjubiläum in London? Exakt. In Covent Garden Burger essen. Vom dortigen „Meatmarket“ hatte ich schon in Deutschland gelesen. Also hin- und staunen. Und staunen. Und staunen. Und unendlich glücklich sein. Meatmarket ist ein sehr szeniger Laden im ersten Stock der Covent Garden-Markthallen. Sieht man von unten kaum, Speisekarten/Wandtafeln der  asiatischen Vorgängerlokale wurden einfach mit dem Meatmarketlogo versehen. Sehr cool. Oben dann optisch eher reiner Tresen als Burgerladen, viel schwarz, viele Schilder, Holztische, lange Edelstahltheke/-küche. Ohne Übertreibung: Genau SO stelle ich mir einen Burgerladen vor. Die Karte auch eher geheimnisvoll, Burger mit Namen wie zum Beispiel „Dead Hippy“ klingen zunächst ungewöhnlich. Aber irgendwas mit Hackfleisch und Käse wird schon schmecken.

Das Resultat war begeisternd und  „schmecken“ wäre untertrieben. MEATMARKET MACHT WAHRSCHEINLICH DIE ALLERBESTEN BURGER AUF DEM ALTEN KONTINENT. Super Fleisch, medium gegrillt auf einer riesigen Edelstahlgrillfläche, fast schon mit dem Käse zusammengeschmolzen, zart, weich, aromatisch. Sex im Mund. Das noch gesteigert durch exzellente Beläge. Röstzwiebeln. Alles auf einem Softbun. Ebenfalls weich, nicht zu aufdringlich, nicht bröselig. Alles stimmt, das ist ein Burger! In der Tat „messy“, sicherlich sehr ungesund, Kalorien für 2 Tage, aber perfekt. „London’s best underground burger“ hieß es irgendwo im Internet. Stimmt.  Für meine Begleitung, die mit mir schon durch einige Burgerhochs und –tiefs musste, der beste Burger den sie je aß. Das ging jedenfalls gut los…

Weiter im Programm. London Eye, Big Ben, Parliament, Westminster Abbey, Burger. Diesmal ein ganz anderes Prinzip: Gourmet Burger Kitchen, eine kleine Kette. Kette eigentlich in Anführungszeichen: Von zwei Neuseeländern gegründet, die hochwertige Burger mit lokalen Zutaten etablieren wollten. Klingt nach Frankfurt am Main. Ist aber nicht so.  Zum Glück hatten wir eine „GBK“ direkt in der Nähe unseres Hotels an der Tower Bridge und konnten spontan vorbeischauen. Die Optik des Ladens ganz anders als im Meatmarket. Nicht dunkel, sondern hell, aufgeräumter, gestylt, in der Tat wie viele Läden in Frankfurt.

Auf der Karte neben den üblichen Verdächtigen viele Exoten. „Wild Boar“, „Buffalo“ und „Kiwiburger“. Letzterer nicht wie zunächst angenommen mit Kiwi, sondern inklusive einer Spende für den vom Aussterben bedrohten Kiwi-Vogel. Wir bleiben klassisch, Cheeseburgerstandardbestellung. Und auch hier: Ein erstklassiger Burger, klasse Fleisch, medium gebraten bzw. gegrillt, jedenfalls mit schönem Grillgeschmack.. Dazu eine dicke Scheibe Käse, schön zerlaufen, käsig, mit sich ziehenden Fäden. Und selbstgemachtes Tomatenrelish. Würzig, leicht süßlich, aber doch pikant. Würde ich gerne kopieren können. Unfassbar gut auch die Rosmarinpommes dazu.  Langsam kommt der Verdacht auf: London kann das… die Queen ist sicher „very amused“.

Und ja, das stimmt wohl. Neuer Tag, neues Glück, Harry Potter Studios, Oxford Street, Hyde Park, Burger. Diesmal bei Byron, Typ Eckrestaurant, Pub, Bar. Auch mit mehreren Filialen in London, aber ohne Mainstreamcharakter. Wieder Edelstahl im offenen Bratbereich, wieder bodenständige Burgerkarte, ein bisschen mehr Gemütlichkeit als in der GBK, Fleisch von kleinen schottischen Farmen, ständig frisch durch den Fleischwolf, medium gebraten. Das Fleisch mittlerweile schon gewohnt exzellent, medium, kräftig im Geschmack. Fantastische Buns, fast schon in die Richtung Brötchen, aber innen trotzdem sehr weich. Unbedingt anzuraten ist hier auch der Konsum der Zitronenlimonade, selbst gemacht und seeehr zitronig, unglaublich gut. Weiteres Highlight: Frittierte Zucchinis, ähnlich wie Fried Pickles, die ich in New York probierte, aber frischer, saftiger. Ganz schön und aussagekräftig übrigens die Entstehungsgeschichte von Byrons:

 „During a four year stint in America, I ate enough hamburgers to sink the Titanic. My favourite diner was the Silver Top in downtown Providence, Rhode Island. I would end up here, late at night, frequently a little worse for wear, with two or three friends. We always ordered hamburgers. They were simple, tasty things – a bit messy, but made with good quality meat and only the classic adornments; some lettuce, tomato, red onion, and maybe a slice of cheese or bacon. The ultimate comfort food and so satisfying in their simplicity. Hamburgers the way they should be.“

Mehr muss ich eigentlich nicht sagen.  Ich nicht, Byrons schon. Mit dem Video ist dann aber auch wirklich alles klar:

httpv://vimeo.com/29664825

 Letzter Tag, Tower Bridge, Buckingham Palace, dank Portemonnaiediebstahl auch das- zugegebenermaßen sehr sehenswerte Botschaftsviertel- und, ach ja, Burger. Zum Abschied wollten wir eigentlich noch einmal Meatmarket beehren, allerdings haben die auch eine Mutter oder eher einen großen Bruder: Meatliquor. Relativ zentrale Location in der Nähe der Oxford Street. Eher Club als Restaurant, sehr dunkel, überall, nunja, Schlachtspuren an den Wänden, Toiletten gibt es nur für „Chicks“ und „Dicks“. Im Voraus war zu lesen, dass man mitunter EWIG anstehen müsste und es sich deshalb (vielleicht) nicht lohnen würde.

Die Karte jedoch ähnlich und ebenso fantastisch die Burger. Dieses Mal probierten wir nach Hinweisen auch die riesigen, fantastischen Onion-Rings. Getränkedosen, getrunken wird aus Einmachgläsern. Wachspapier. Fleischgeruch, Grillgeruch.  Der Burger hier genauso fantastisch wie schon  im Meatmarket,ES STIMMT EINFACH ALLES. Wenn das Fleisch bzw. der gesamte Burger im Mund einfach zergehen und sich alles zu einem ganzen fügt und nicht einzelne Elemente irgendwie hervorschmecken, dann hat man den perfekten Burger in der Hand. Was soll ich sagen? Eigentlich will man nie mehr etwas anderes essen, beziehungsweise an einem anderen Ort sein. Abgesehen davon, dass wir nicht anstehen mussten: es lohnt sich, jederzeit.

Was bleibt? Erstens, dass man in London im Durchschnitt vielleicht bessere Burger als in den USA bekommt. Betonung auf vielleicht, aber der Wettkampf ist definitiv eröffnet. An der Themse wird nach echtem Gefühl gebrutzelt, nicht nach Theorie. Man stellt sich nicht die Frage „Wie kann ein gesunder Burger schmecken“, sondern eher: „wie kann ein perfekter Burger schmecken“.

4 Antworten darauf haben wir bekommen, ohne Flop, ohne Enttäuschung. Kein einziges Mal trockenes Fleisch, kein einziges Mal Gemüsechaos und dazwischen ein Fleischscheibchen. Nein, immer so wie es sein sollte. Das führt auch schon zu zweitens. Denn was noch bleibt, ist die Wehmut, dass man noch gar nicht alles probiert hat, was man probieren müsste. Krankenwagen, die als Burgerwagons „guerilla“ unterwegs sind. Andere mobile Wagen. Andere Restaurants, andere Szeneburger, teilweise etwas außerhalb des Zentrums und für einen Minitrip dadurch schwer zu erreichen. 4 Tage waren zu kurz. Bis ganz bald, London! Dreifachfleisch liebt dich!